Herr Dr. Dietrich, Sie sind Frühaufsteher. Was heißt bei Ihnen früh?
Gegen sechs Uhr. Ich nutze den Morgen gerne, um meinen Tag vorzustrukturieren. Gut die Hälfte meiner Zeit ist geplant, der andere Teil ergibt sich meist spontan aus Kundenthemen. Ein Kunde meldet sich mit einer Frage, ich habe eine Idee und rufe jemanden an. Mein Tag ist ungefähr Fifty-Fifty zwischen Planung und Kreativität. Morgens auf dem Weg in die Firma lasse ich das gerne noch einmal durch den Kopf laufen. Mit dem Auto brauche ich 30 Minuten, mit dem Mountainbike durch die Weinberge 25. Danach ist der Kopf frei.
25 Minuten mit dem Fahrrad, 30 mit dem Auto. Wie oft fällt die Wahl aufs Fahrrad?
Wenn es sich einrichten lässt, fahre ich tatsächlich gerne mit dem Fahrrad. Das gelingt mal einmal in der Woche, mal drei- oder viermal, manchmal auch gar nicht. Man muss es sich aktiv vornehmen. Und natürlich kenne ich meine Fahrzeiten ziemlich genau.
Wie genau?
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen bisherigen Rekord durch einen neuen ersetzen kann. Beim Sport ist mir auch die Performance wichtig. Deswegen kann ich Ihnen sämtliche Fahrradfahrzeiten meiner letzten Jahre auf die Sekunde genau sagen. Ich fordere mich da gerne selbst. Leben besteht aus Herausforderungen, und die muss man annehmen und meistern.
Dieser Anspruch zieht sich auch durch Ihren beruflichen Weg. Als Sie damals bei der IKB eingestiegen sind, was hat Sie an der Aufgabe gereizt?
Vor allem die Möglichkeit, theoretische und praktische Themen auf Unternehmerlevel miteinander zu verbinden. Die IKB steht für den gehobenen Mittelstand, für Unternehmerinnen und Unternehmer, also Machertypen, aber auch für ein sehr anspruchsvolles Geschäft. Ich wollte damals unbedingt nebenberuflich promovieren, um Praxis und Theorie ideal zusammenzubringen. Am Ende habe ich über Risikomanagement in Banken promoviert und konnte dieses theoretische Wissen auch in die Praxis der IKB einbringen. Diese Verbindung zwischen universitärem Wissen und Anwendung bei der IKB war für mich extrem wichtig.
Sie sagen „Machertypen“. Was fasziniert Sie an diesen mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmern?
Sie haben normalerweise einen Plan, den sie engagiert und konsequent verfolgen. Und sie brauchen Menschen an ihrer Seite, die ihr Geschäftsmodell verstehen, kritisch und konstruktiv Reibung erzeugen und dadurch Vertrauen schaffen. Wenn man Innovations- und Investitionsprojekte begleitet, geht man den unternehmerischen Zielsetzungen ziemlich auf den Grund.
Im gehobenen Mittelstand funktioniert das besonders gut, weil die Entscheider einen 360-Grad-Blick auf ihr Unternehmen haben. In Konzernstrukturen ist man dagegen häufig in Detailverantwortung unterwegs: Jeder hat seine Mikroaufgabe, aber das große Bild muss man erst noch zusammenfügen. Im Mittelstand hat man Macherinnen und Macher, die den Gesamtüberblick haben und im Zweifelsfall auch selbst entscheiden. Dabei geht es nicht darum, vorgegebene Lösungen zu verkaufen. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.
Und wenn sich währenddessen die Welt verändert?
Ein fundierter Plan ist das eine. Aber Investitionsprojekte haben häufig lange Umsetzungsdauern und in dieser Zeit passiert viel. Flexibel miteinander arbeiten zu können und Vertrauen in ein Geschäftsmodell zu haben, das ist schon eine Kunst im Bankbereich.
Unternehmen stehen zurzeit vor unzähligen Herausforderungen. Wie erleben Sie diese Veränderungen im direkten Austausch mit Ihren Kunden?
Ganz vielfältig. Die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen verändern sich gerade. Das Exportmodell Deutschland steht stark unter Druck, der internationale Wettbewerb ist riesig. China hat sich vom Absatzmarkt zu einem wesentlichen Wettbewerber entwickelt. Die Unternehmen schauen deshalb auf die drei Kernherausforderungen: Umsatz, Kosten und Liquidität.
Was zeichnet Unternehmen aus, die auch in schwierigen Zeiten erfolgreich bleiben?
Konsequenz in der Umsetzung. Dazu gehören Maßnahmen bei Kosten und Liquidität, aber auch das Aufrechterhalten von Investitionen und Innovationen. Manchmal kommt eben eine Kurve, obwohl man gerne geradeaus gegangen wäre. Dann muss man sich selbst infrage stellen, aus den getroffenen Entscheidungen lernen und das Geschäftsmodell oder die Strategie anpassen. Diese Flexibilität ist im Mittelstand eine wichtige Eigenschaft.
Welche Rolle spielt dabei Vertrauen?
Ein guter Kunde unseres Hauses sagt: Man tut gut daran, sich Freunde in guten Zeiten zu machen und Vertrauen aufzubauen. In schlechten Zeiten braucht man es. Das Miteinander ist jetzt mehr denn je erforderlich. Dazu gehören natürlich auch die Banken. Wir müssen die Geschäftsmodelle nicht nur verstehen, sondern uns auch darauf verlassen können, dass Maßnahmen vernünftig umgesetzt werden und sie letztlich begleiten.
Und Ihr Blick auf die kommenden Monate?
Prognosen haben den zweifelhaften Charme, dass man sich morgen geirrt haben könnte. Aber wir haben viele innovative Unternehmen und sehen bei den Auftragseingängen eine Belebung. Zusammen mit den Kostenmaßnahmen könnte die zweite Jahreshälfte, schwäbisch formuliert, halbwegs vernünftig über die Bühne gehen. Es bleibt aber ein täglicher Kampf. Man kann sich auf wenig verlassen und muss seinen eigenen Weg gehen.
Sie sind seit über drei Jahrzehnten bei der IKB. Welche Erfahrung hilft Ihnen heute jeden Tag?
35 Jahre IKB klingt erst einmal total lange. In dieser Zeit hatte ich bei der IKB immer die Chance, regelmäßig neue Dinge zu machen. Ich habe mich irgendwann bewusst dafür entschieden, in den Kundenkontakt zu gehen. Kundenkontakt bedeutet jeden Tag neue Herausforderungen, weil sich auch die Anforderungen der Unternehmen ständig ändern.
Das hält mental wahnsinnig frisch. Man braucht jeden Tag neue Lösungen für Probleme, die man gestern noch nicht kannte. Mit Kunden über Jahre und Jahrzehnte zusammenzuarbeiten, ist mega spannend.
Was macht Ihnen dagegen überhaupt keinen Spaß?
Mein schlechtester Tag ist ein Office-Tag, an dem ich Dokumente von links nach rechts bewegen muss, also formelle Aufgaben, die einfach nur getan werden müssen. Am allerschlimmsten sind regulatorische Themen, die sich gerne in Listen verstecken. Natürlich muss das alles gemacht werden, ich bin ja doch ein strukturierter Mensch. Aber die Kundenthemen sind das, was mich antreibt. Dort eine aktive Rolle zu spielen, eine gute Idee zu haben und dann auch dafür zu sorgen, dass aus der Idee Execution wird.
Mit neuen Aufgaben kam auch Führungsverantwortung. Hat sich dadurch Ihr Blick verändert?
Jedes Mal, wenn ich eine neue Rolle angenommen habe. Als ich erstmals Führungsverantwortung übernommen habe, ging es nicht mehr nur darum, selbst gute Entscheidungen zu treffen, sondern andere dabei zu unterstützen, erfolgreich zu sein. Und natürlich ist das immer Teamarbeit.
Gab es in diesen Jahren einen Moment, in dem Ihnen die Verantwortung besonders bewusst wurde?
Besonders in herausfordernden wirtschaftlichen Phasen. Hinter jedem Unternehmen stehen Investitionen, Arbeitsplätze und Familien. Das schafft Demut und Verantwortung. Eine wichtige Rolle hat hier auch die Finanzmarktkrise 2007/2008 gespielt: Über Nacht war plötzlich alles anders und statt „volle Kraft voraus“ stand schlagartig die Sicherung der Kundenbeziehungen und des eigenen Geschäftsmodells im Vordergrund.
Ein früherer Chef hat Ihnen dazu einmal eine Frage gestellt, die Sie bis heute beschäftigt.
Er hat mich in jungen Jahren gefragt, warum man überhaupt eine Führungsfunktion anstrebt. Mit jeder Entscheidung für jemanden würde man vielleicht diesen einen Menschen glücklicher, alle anderen im Team aber eher unglücklich machen. Das hat mich damals schon zum Nachdenken gebracht und meinen Fokus stark darauf gerichtet, dass gute Einzelakteure wichtig sind, gute Teams aus diesen Einzelakteuren aber ungeahnte Kräfte freisetzen können.
Was hat Sie als Führungskraft zuletzt wirklich ins Grübeln gebracht?
Die Frage, wie wir in einem sich rasch ändernden Umfeld Veränderung gestalten. Die Geschwindigkeit der Transformation nimmt zu. Gute Führung bedeutet für mich, Orientierung zu geben und gleichzeitig nicht den Anspruch zu haben, auf jede Frage sofort eine Antwort haben zu müssen. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und mit Leidenschaft dafür zu sorgen, dass sich die Dinge zum Guten wenden.
Seit April sind Sie zusätzlich Präsident des Bankenverbands Baden-Württemberg. Was ist Ihnen in diesem Amt besonders wichtig?
Mich hat in den vergangenen Jahren angetrieben, dass Banken neben ihren spezifischen Interessen eine wichtige Rolle in dieser Volkswirtschaft spielen. Gerade wenn wir Investitionen und Innovationen finanzieren, sind wir ganz nah an unternehmerischen Entscheidungen und in gewisser Form auch Frühindikator dafür, was sich in unserer Ökonomie tut.
Mich motiviert deshalb der Einsatz für unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen sehr. Deshalb ist mir der Dialog mit der Politik sehr wichtig. Nur mit wettbewerbsfähigen Unternehmen und Banken können wir unseren Wohlstand in Deutschland und Baden-Württemberg sichern.
Was hat Sie persönlich weitergebracht, obwohl es in keinem Lebenslauf steht?
Ich beschäftige mich gerne mit neuen Themen und versuche, das, was ich in meinen beruflichen Jahren erlebt, erfahren und an Wissen angesammelt habe, miteinander zu kombinieren. Mich reizt es, technische und kaufmännische Themen zusammenzubringen und Informationen aus unterschiedlichen Branchen zu kombinieren. Dieses Anwendungswissen kann man nicht im Katalog bestellen. Man muss ein gewisses Gen dafür haben. Durch die Begleitung von Innovationen lerne ich unendlich viel.
Wie sieht für Sie ein idealer Sonntag aus?
Ich bin Familienmensch. Ich freue mich, wenn unsere Kinder da sind und wir morgens gemeinsam frühstücken können. Dann gehe ich zum Bäcker, hole leckere Brötchen und wir frühstücken gemeinsam. Wenn ich anschließend die Gelegenheit habe, frische Luft zu schnappen oder einen kleinen Ausflug zu machen, umso besser.
Ich lasse mich sonntags auch gerne treiben. All die Konsequenz, die ich beruflich habe, ergänzt meine Frau im Privatbereich hervorragend, indem sie Freunde und Netzwerke aktiver managt als ich. Ich brauche den Sonntag schon, um ein bisschen runterzukommen. Am nächsten Morgen geht es normalerweise wieder mit Vollgas weiter.
Und der Satz „Ich schaue nur kurz in meine Mails“ kommt sonntags nicht vor?
Doch. Ich mag es nicht, wenn ich einen zu großen Posteingang habe. Sie werden selten erleben, dass ich abends viele offene Mails habe. Außer vielleicht, ich fahre gerade mit dem Fahrrad über die Alpen und bin im Funkloch.
Ich bin immer mit ein paar Prozenten meiner Kapazität online. Nicht, weil ich Kontrollverlust befürchte, sondern weil es mir ganz gut gelingt, das zu managen. Mein Job macht mir auch nach Jahrzehnten viel Spaß. Deshalb habe ich auch keine klare Trennlinie zwischen Beruf und privat. Ich glaube, mich gibt es nur in Kombination.
Über die Alpen mit dem Fahrrad klingt nach einer ziemlich konsequenten Form des Abschaltens.
Das war ein großartiges Erlebnis. Ich bin mit meinen beiden Kindern und einem Freund in sechs Tagen mit dem „Bio-Mountainbike“ über die Alpen gefahren. Meine Frau hat uns begleitet und wir haben uns, soweit es möglich war, abends getroffen. Gemeinsam oben auf einem Berg zu stehen, auf einen tollen Trail hinunterzuschauen und am Ende nach sechs Tagen glücklich am Gardasee anzukommen, das ist schon ein grandioses Gefühl.
Dann zum Schluss nur noch eine Frage: Berg hochkämpfen oder den Trail hinunterfahren?
Berg hochkämpfen. Und dabei als Belohnung auf den Trail freuen, auf dem es wieder hinunter geht
VITA
Dr. Reiner Dietrich ist seit 1991 für die IKB Deutsche Industriebank AG tätig. Seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet er Kunden in guten wie in schlechten Zeiten, vom gehobenen Mittelstand bis zu internationalen Konzernen. Seine Expertise reicht von Beratungs- über Kredit- bis zu Kapitalmarktlösungen und Strukturierungen, sowohl im operativen Geschäft als auch in Führungsverantwortung. Nach Stationen in der strategischen Planung und als Leiter Firmenkunden übernahm er 2005 die Leitung der Niederlassung Baden-Württemberg. Seit April 2026 ist er Präsident und Vorsitzender des Vorstands des Bankenverbands Baden-Württemberg. Darüber hinaus ist er Mitglied des Aufsichtsrats der CONCEPT AG und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der TRICOR Packaging & Logistics AG.